Fokusthema: Regulatorik

VERSICHERUNGS­MATHEMATISCHE FUNKTION: UMSETZUNG KOMPAKT

Im Rahmen des mit Solvency II eingeführten System of Governance werden vier gleichrangige Schlüsselfunktionen definiert, die alle Versicherungsunternehmen besitzen müssen: Compliance-Funktion, unabhängige Risikocontrolling-Funktion (uRCF), Interne Revision sowie die Versicherungsmathematische Funktion (VMF). Die Fachexperten von Q_PERIOR Dr. Sebastian Paik und Jan-Hendrik Uhlenberg gehen nachfolgend detailliert auf die Aufgaben der Versicherungsmathematischen Funktion sowie unterschiedliche Ausgestaltungs- und Organisationsmöglichkeiten für Versicherer ein.

Aufgaben der VMF

Die VMF ist in der sogenannten zweiten Verteidigungslinie angesiedelt und übernimmt daher primär validierende Aufgaben im aktuariellen Kontext, während operative Tätigkeiten vorwiegend in den fortbestehenden Fachabteilungen der ersten Verteidigungslinie verortet sind, bspw. im klassischen Aktuariat. Die grundsätzlichen Aufgaben der VMF sind in Artikel 48 der Rahmenrichtlinie definiert. Die wichtigsten unter diesen Aufgaben sind:

  • Koordinierung der Berechnung der versicherungstechnischen Rückstellungen (für die Solvency II Bilanz)
  • Stellungnahme zur generellen Zeichnungs- und Annahmepolitik
  • Stellungnahme zur Angemessenheit der Rückversicherungsvereinbarungen
  • Beitrag zur wirksamen Unterstützung des Risikomanagementsystems hinsichtlich Risikomodellierung, Kapitalanforderung und Bewertung
  • Bewertung von Hinlänglichkeit und Qualität der Daten, die der Berechnung der vt. Rückstellungen zugrunde liegen
  • Gewährleistung der Angemessenheit der verwendeten Methoden und Annahmen bei der Berechnung der versicherungstechnischen Rückstellungen

Darüber hinaus etablieren die Rahmenrichtlinie, die Delegierte Verordnung sowie die Level 3 Texte eine Informationspflicht gegenüber der Geschäftsleitung. Das zentrale Instrument dieser Informationspflicht stellt der jährlich zu erstellende schriftliche Bericht dar. Dieser beinhaltet eine Dokumentation aller wahrgenommenen Aufgaben, der erzielten Ergebnisse sowie die Benennung etwaiger Mängel und Empfehlungen zu ihrer Beseitigung.

„Dieser Bericht stellt eine Ergänzung zu den bereits existierenden Berichten des Verantwortlichen Aktuars wie zum Beispiel dem Angemessenheitsbericht dar“, erklärt Dr. Sebastian Paik von Q_PERIOR. „Eine Kombination dieser Berichte ist nicht möglich.“

Zudem ist zu berücksichtigen, dass je nach Ausgestaltung der VMF weitere VMF Berichte innerhalb einer Gruppe oder auf Gruppenebene anfallen können. Hinsichtlich der Struktur des Berichts sind die Unternehmen in der Ausgestaltung frei und können ihre eigenen Schwerpunkte bspw. in Bezug auf spartenspezifische Besonderheiten setzen.

Abgrenzung Versicherungsmathematische Funktion versus Verantwortlicher Aktuar

In der Lebens- und Krankenversicherung (sowie HUK-Renten und UBR der Schaden-/Unfallsparte) gibt es seit der Deregulierung 1994 fest etabliert den Verantwortlichen Aktuar, der wesentliche Aufgaben hinsichtlich der dauernden Erfüllbarkeit der Verpflichtungen, der Angemessenheit der Überschussbeteiligung sowie der Ausstellung der versicherungsmathematischen Bestätigung unterhalb der Bilanz wahrnimmt.

Die durch Solvency II neu geschaffene VMF nimmt dagegen die auf der vorherigen Seite genannten Aufgaben mit anderen Schwerpunkten und Inhalten als der VA wahr. Sie ist als Ergänzung zu verstehen und es gilt, Interessenkonflikte zwischen den beiden Funktionen zu vermeiden.

Organisationsformen der Versicherungsmathematischen Funktion

Hinsichtlich der Organisation der VMF gibt es keine konkreten Vorschriften, sondern lediglich die Vorgabe zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Aus diesem Grunde gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Ausgestaltungs- und Organisationsmöglichkeiten, die in der Praxis von der Unternehmensstruktur und der Größe des Versicherungsunternehmens abhängen werden:

  • Ansiedlung der VMF im zentralen Gruppen-Aktuariat
  • Ansiedlung der VMF in den spartenbezogenen Einzelaktuariaten
  • Ansiedlung der VMF als Teil des Risikomanagements
  • Auslagerung der VMF
  • Wahrnehmung der VMF durch ein Gremium, wobei aber nach wie vor eine natürliche Position als Inhaber der Schlüsselfunktion benannt sein muss

Die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten bieten unterschiedliche Vor- und Nachteile. Eine Zentralisierung erleichtert grundsätzlich eine spartenübergreifende Sicht, die Schaffung einheitlicher Standards und Vorgehensweisen sowie vollständige Unabhängigkeit von der Risikonahme. Eine dezentrale Ausgestaltung erhält größere Nähe zu den zu bewertenden Risiken und erlaubt ggf. die Nutzung bereits vorhandener Modelle und Analysewerkzeuge.  Die Möglichkeit der Auslagerung an einen externen Dienstleister ist speziell für kleinere Versicherer oder z.B. Captives interessant, die sich auf diese Weise gezielt aktuarielle Expertise einkaufen können, ohne ein eigenes Aktuariat aufbauen zu müssen.

Große Schnittmengen zwischen uRFC und VMF durch Einbindung der VMF ins Risikomanagement

Versicherungsmathematische Funktion

Bei der konkreten Vermeidung von Interessens-konflikten ist zu berücksichtigen, dass die vier Schlüsselfunktionen gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Sofern Interessenkonflikte ausgeschlossen sind, kann gerade bei kleineren Unternehmen der VA auch in Personalunion Inhaber der Schlüsselfunktion VMF sein. Ebenso möglich ist eine Bündelung mit den übrigen Schlüsselfunktionen (außer Interne Revision), sofern sichergestellt ist, dass die Aufgaben der jeweiligen Funktion auch vollumfänglich von einer Person geleistet werden können und Interessenkonflikte vermieden sind.

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5. April 2017|