Wenn Blockchain die Antwort ist, wie lautet dann die Frage? Ein Blick auf den Automotive-Sektor

Wenn Blockchain die Antwort ist, wie lautet dann die Frage? Ein Blick auf den Automotive-Sektor

Unternehmen engagieren sich aus verschiedenen Motiven heraus in Blockchain-Projekten. Doch welche Ansätze verfolgt der Automobilsektor? Welche Use Cases werden evaluiert und auf welche Fragen der Automotive-Industrie kann Blockchain eine Antwort liefern?

Mit Blick auf den Gartner Hype Cycle steht die Blockchain-Technologie aktuell am Eingang zum Tal der Tränen. Nach dem großen Hype der vergangenen Jahre gilt es nun, sinnvolle Anwendungsszenarien für den produktiven Einsatz der Technik zu entwickeln. Ein Engagement in Blockchain-Projekte bedeutet für Unternehmen – anders als zur Zeit des „Krypto-Goldrausches“ – eine Wette auf einen nachhaltigen Wertbeitrag der Technologie. Dass diese Wette auch viele namhafte Technologieriesen mit Blockchain as a Service-Angeboten (BaaS) eingehen, haben wir in einem früheren Beitrag bereits dargestellt. Der Erfolg dieser BaaS-Lösungen ist letztlich aber entkoppelt von der tatsächlichen Wertschöpfung darauf aufbauender Projekte bei deren Kunden. Der Wetteinsatz aus Sicht der Technologieanbieter ist somit entsprechend gering.
Daher stellt sich am Beispiel des Automotive-Sektors die Frage: Welche Ziele verfolgen Automobilhersteller, die sich derzeit ohnehin in einer massiven Transformation befinden, im Kontext Blockchain?

Ansätze für Automotive Use Cases

Alle aussichtsreichen Anwendungen der Blockchain lassen sich um die zwei Grundfähigkeiten der Technologie gruppieren: die dezentrale, unveränderbare und überprüfbare Datenspeicherung und die Bereitstellung von direkten und transparenten Transaktionen zur Übertragung digitaler Werte und sicherheitsrelevanter Informationen. Basierend auf bestehenden Anwendungen der Blockchain in anderen Bereichen, können für die Automobilbranche verschiedene Anwendungsszenarien abgeleitet werden:

  • Vehicle Register: Auf Basis der viel diskutierten Blockchain-Identity-Documentation-Lösungen (z. B. das digitale Grundbuch oder digitale Einwohnerregister) sind Fahrzeugregister mit dieser Technologie denkbar.

  • Fahrtenbuch: Das Tracking von realen Gütern in der Logistik ist ein Vorreiter von Blockchain-Projekten und findet natürlich auch sein Gegenstück im Automotive-Umfeld. Als eines der ersten Beispiele sei hier das Fahrtenbuch genannt. Eine spezielle Ausprägung dieser Art von Projekten ist der digital Twin.

  • Protokollierung von Aktivitäten: Einen grundlegenden Anwendungsbereich für die Blockchain sehen wir auch in der Protokollierung der Aktivitäten autonom und insassenlos fahrender Autos (eine weitere Ausprägung des Fahrtenbuches). Nur durch wirklich veränderungsfreie Protokollierung wird es zukünftig möglich sein, Verkehrsdelikte oder Unfälle solcher Fahrzeuge aufzuklären.

  • Enabler für Transaktionen: Mit Blick auf autonome und elektrisch angetriebene Fahrzeuge gibt es weitere Anwendungen, insbesondere im Zusammenhang mit Zahlungen/ Micro Payments. Hier tritt die Blockchain als Enabler der Transaktionen ohne Mittelsmann auf.

Die folgenden Grafik gibt eine Übersicht möglicher Anwendungsbeispiele. Hierbei wird zwischen den beiden Kernthemen „fälschungssicheres Protokollieren“ und „Übertragung digitaler Assets“ unterschieden.

Was die Use Cases verbindet

Wie bei vielen anderen IT-Projekten auch, scheinen Unternehmen mit Blockchain-Initiativen zunächst das Ziel der kurzfristigen Kostenoptimierung zu verfolgen. Im Finanzsektor begründen sich solche Kostenpotenziale im Entbehren von Intermediären im Zahlungsverkehr. Diese Effekte sind im Automobilsektor auf den ersten Blick nicht in vergleichbarem Umfang zu finden. Das Ziel der Branche ist zunächst ein anderes. Die oben genannten Anwendungsbereiche haben alle eines gemeinsam: Die Notwendigkeit einer Art Standardprotokoll zum Austausch von schutzwürdigen Daten, Identitäten und digitalen Werten. Genau dies könnte die Chance für Blockchain sein, die bereits zahlreiche Stakeholder erkannt haben. Die OEMs sind daran interessiert, die für die Industrie notwendigen Standards mitzugestalten. Aus diesem Blickwinkel lässt sich auch die vom Toyota Research Institut mitinitiierte Mobility Open Blockchain Initiative (www.dlt.mobi) oder das Engagement einzelner Automobilhersteller in diversen DLT Gremien, wie etwa die Unterstützung der IOTA Foundation durch Volkswagen, verstehen.

Die derzeitigen Anwendungsszenarien sowie das Engagement verschiedener Hersteller in Initiativen und Gremien zeigt, dass die Implementierung von Blockchain-Technologie im Automotive-Bereich gerade erst am Anfang steht. Ein Blick auf einen Beitrag des Marktforschungsunternehmens Forrester ermöglicht dabei eine bessere Einordnung. Demnach lassen sich die Blockchain-Initiativen vieler Unternehmen in drei Kategorien zusammenfassen.

  • Kategorie 1: Forschungsprojekte um Erkenntnisse aus der Entwicklung eines Blockchain-basierten Systems zu ziehen. Es ist nicht das vorrangige Ziel, eine funktionierende Blockchain-Lösung bereitzustellen.

  • Kategorie 2: Projekte mit kurzfristigem Erfolgsziel: Etablieren einer Blockchain-Lösung im aktuellen Geschäftsumfeld, um bestehende (Teil-)Prozesse effizienter zu gestalten.

  • Kategorie 3: Projekte mit langfristigem Erfolgsziel: Neuerfindung ganzer Geschäftsprozesse oder sogar Branchen.

Aktuelle Projekte im Automotive-Bereich kommen dabei nicht über eine frühe Phase der Prozessoptimierung (Kategorie 2) hinaus.

Wir glauben an das Potenzial der Blockchain

Wir beobachten noch immer vorwiegend Blockchain-Projekte der Kategorie 1 und 2. Projekte, die bekannte Anwendungsfälle mit Blick auf Blockchain evaluieren, anstatt Prozesse von Grund auf neu zu denken. Die Unternehmen sind aktuell weiterhin sehr damit beschäftigt, interessante Use Cases und Einsatzszenarien für die Technologie zu finden. Doch darin liegt auch ein Risiko von vielen Blockchain-Projekten: Es werden Lösungen für Probleme entwickelt, die gar nicht existieren. Mit Sicherheit lassen sich in jedem Unternehmen schnell Anwendungsbeispiele finden, in denen bestehende Lösungsbausteine durch Blockchain-Ansätze ersetzt werden könnten. Doch das allein reicht für wirklich nachhaltige Wertbeiträge oftmals nicht aus. Bei einem geplanten Einsatz der Technologie müssen sich Verantwortliche daher immer zwei Fragen stellen: „Ist es technisch realisierbar?“, und „Ist die Umsetzung sinnvoll?“

Eines der großen Assets im Automobilsektor stellen die in jedem einzelnen Fahrzeug generierten Steuergerätedaten während der Fahrt dar. Wie ist der Straßenzustand? Wie der Verkehrsfluss? Diese Daten mit anderen zu teilen oder zu handeln, könnte insbesondere auch mit Blick auf autonome Fahrzeuge von zunehmender Bedeutung sein.

Ein standardisiertes Protokoll, mit dem der Zugriff auf eben diese Daten unternehmensübergreifend kontrolliert und gewährt werden kann, ist dabei elementar. Die Blockchain hat das Potenzial, genau solch ein gemeinsamer Standard zu werden. Dadurch kann mit der Technologie ein Wertbeitrag geschaffen werden, der unabhängig von der Art und Anzahl der Intermediäre, die in den Transaktionen involviert sind, ist.

Wir glauben an das Potenzial der Blockchain-Technologie im Automobilsektor, insbesondere auch in Bezug auf die hier aufgeführten Handlungsfelder. Die aktuell zu beobachtenden Projekte sind wahrscheinlich im Kontext der Evaluierung der Technologie notwendig, aber sicher noch nicht die von vielen erwarteten disruptiven Anwendungen. Gerade im Verbund mit weiteren Trendthemen, wie etwa dem autonomen Fahren, ergeben sich in Zukunft aber sicher zahlreiche Chancen.

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28. Februar 2019|