Was bleibt von der Blockchain nach Bitcoin & Co.? – Eine Einschätzung

Der Goldrausch des Bitcoin ist vorbei. Nun gilt es, die Technologie dahinter für den produktiven Unternehmenseinsatz fit zu machen. Allen voran bieten die IT-Riesen bereits Lösungen an, um neue Anwendungsszenarien abseits von Kryptowährungen zu ermöglichen. Dennoch fällt es vielen Unternehmen derzeit noch schwer, die Blockchain-Technologie mit einem wirklichen Mehrwert zu versehen.

Investitionen in Zeiten des „Krypto-Goldrausches“

Es gab Zeiten, in denen der aktuelle Bitcoin-Kurs in der Tagesschau direkt nach dem DAX-Stand gemeldet wurde. Tage, die in Sachen Hype um Kryptowährungen an den „neuen Markt“ vor 20 Jahren erinnerten. Doch genau wie damals, sind viele Investoren und Krypto-Entrepreneure mittlerweile wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Der Goldrausch hat sein Ende gefunden und der Hype um digitale Währungen und die Technologie dahinter weicht mehr und mehr fragenden Blicken.

Die Technologie, die hinter Bitcoin & Co. steht, ist die Blockchain. Ein technologischer Lösungsansatz, der auf weitgehend bekannten Mechanismen (z. B. Public-Private-Key, Peer-2-Peer, Hash, Merkle Trees) basiert und eine Antwort auf die konkrete Frage liefert: Wie löst man das Double-Spending-Problem bei der Übertragung digitaler Assets? Der vorgestellte Ansatz zeigt auf, wie man digitale Werte zwischen zwei Parteien übertragen kann, ohne, dass dabei eine Kopie beim Absender verbleibt. Ganz so, wie in der analogen Welt. Hier wandern beim Bezahlen mit Bargeld Scheine oder Münzen von der Tasche des Käufers in die des Verkäufers. Erfolgt dieselbe Transaktion ohne physische Zahlungsmittel, sorgt eine Bank dafür, dass dieser Vorgang ordnungsgemäß verbucht wird. Beim Tausch digitaler Güter ist die Sache jedoch nicht ganz so einfach: Versendet man ein Foto per E-Mail, wird die Datei dupliziert. Das Foto befindet sich nun sowohl auf dem Rechner des Senders, als auch im Besitz des Empfängers. Was bei Urlaubsschnappschüssen in der Regel kein Problem darstellt, muss bei anderen digitalen Assets (Token, digitale Währungen, …) unbedingt verhindert werden.

Die Blockchain-Referenz-Implementierung ist die Kryptowährung Bitcoin. Mit ihr wurde der Einsatz der verteilten Saldenbücher, der Verzicht auf Mittelsmänner (Banken) und eben auch der Konsensmechanismus „Proof of Work“ beim Transfer von Geldeinheiten greifbar gemacht. Die Wahl dieses Beispiels war naheliegend aber auch folgenschwer. So versprach er doch in den Augen vieler schnelle Gewinne und wirkte dadurch wie ein Katalysator für die weitere Entwicklung dieser und anderer Distributed-Ledger-Technologien (DLT). Inspiriert durch die immer zahlreicher werdenden Blockchain-Evangelisten begannen viele Unternehmen über weitere Anwendungsfelder nachzudenken. Dies wiederum spülte allein zwischen Juni 2017 und Juni 2018 mehr als 14 Mrd. USD Venture Capital in Blockchain-nahe Geschäftsideen.

Blockchain im Tal der Tränen

Nach der Hype-Phase der letzten Jahre steht die Blockchain aktuell jedoch an einem Wendepunkt. Das einstige Lieblingskind vieler kurzfristig orientierter Kapitalgeber befindet sich laut dem Gartner Hypecycle der Emerging Technologies direkt vor dem Eintritt in das Tal der Tränen.

Die Goldgräberstimmung weicht langsam der Ernüchterung – allerdings auch bei denjenigen, die weitgehend unabhängig von Börsenkursen den nachhaltigen Wertbeitrag der Technologie für ihr Unternehmen gesucht und bislang häufig noch nicht gefunden haben.

Doch allem Pessimismus zum Trotz, kann dieses Tal der Tränen für die Blockchain-Technologie auch eine wichtige und notwendige Erholungsphase einleiten. Eine Phase, in der überzogene Erwartungen und falsche Versprechungen das Feld für strukturierte Analysen, realistische Einschätzungen und nachhaltige Wertbeiträge freimachen.

Wetten auf den nachhaltigen Wertbeitrag von Blockchain

Ungeachtet aller Skepsis ist der Glauben an die Technologie ungebrochen. Auf dem World Economic Forum (WEF) 2018 gehörte Blockchain im Kontext von Sharing Economy und Distributed Trust nach wie vor zu den sechs Megatrends, die unsere Gesellschaft beeinflussen. Gestützt wird diese Einschätzung durch eine Studie des WEF. Diese sagt voraus, dass bis 2025 bereits rund 10 % des globalen BIP in der Blockchain liegen. Derzeit kommt der Wert nicht über den Promillebereich hinaus. Auch die Analysten von Gartner glauben an eine vielversprechende Zukunft. Ihrer Einschätzung nach wird der Wertbeitrag der Blockchain im Jahr 2026 bei ca. 360 Mrd. USD liegen und danach weiter exponentiell ansteigen.

Doch welche Ansätze sind aktuell zu beobachten, um mit der Blockchain-Technologie einen nachhaltigen Wertbeitrag zu erwirtschaften?

Viele große Technologieunternehmen konzentrieren sich bei ihren Blockchain-Aktivitäten zunächst einmal darauf, ihre Cloud-Plattform um Blockchain as a Service Produkte (BaaS) zu erweitern. So bieten unter anderem IBM, Microsoft und SAP derartige Lösungen an.

Es mag sich auf den ersten Blick nicht erschließen, worin der Reiz einer zentral (über einen Cloud Provider) angebotenen Blockchain-Plattform besteht. Erst recht mit Blick auf die Vorteile der Blockchain, alle nicht notwendigen Intermediäre in den Transaktionen zwischen zwei Parteien obsolet zu machen. Doch das BaaS-Angebot ist eine Antwort auf die Hypothese, dass der Wert einer Blockchain eben nicht allein nur aus ihrer „Intermediär-Ersatz“ Rolle heraus entsteht. Vielmehr sehen die Vertreter dieser Hypothese in der Blockchain das Potenzial, zum zukünftigen offenen Standardprotokoll für vertrauliche Daten, Identitäten und Transaktionen zu werden. Nutzer dieser BaaS-Produkte profitieren also vom sicheren Teilen von Daten und der automatisierten Kontrolle darüber was mit wem, wann geteilt wird. Sie vertrauen dem Konsensmechanismus in der vom BaaS-Provider angebotenen Blockchain. Dieser ist letztlich ein entscheidender Parameter in Hinblick auf die Blockchain-Leistungsfähigkeit (Transaktionen pro Zeiteinheit) und natürlich Blockchain-Sicherheit (Schutz vor Kompromittierung der Daten). Nur wenn alle Beteiligten in diese zwei Merkmale vertrauen, kann eine BaaS-Lösung neue Anwendungsfälle über Unternehmensgrenzen hinweg ermöglichen.

Microsoft setzt mit seiner Azure-Plattform ebenfalls auf BaaS und engagiert sich darüber hinaus unter anderem in der ID2020 Alliance. Diese plant eine Identity Documentation auf Blockchain-Basis zur Verfügung zu stellen, um z. B. den weltweit über 1 Mrd. Menschen ohne Identitätsnachweis einen solchen anbieten zu können. Der Use Case „Digitale Identität“ zählte zu den ersten, die neben Kryptowährungen diskutiert wurden.

Ein drittes Beispiel für die Blockchain-Initiativen der Technologieriesen liefert Facebook. Das Unternehmen hat ein Blockchain-Team unter Führung des früheren PayPal-Präsidenten David Marcus aufgebaut, dass eine virtuelle Facebook-Währung entwickelt. Die Mitglieder des sozialen Netzwerkes sollen damit Content-Provider (z. B. Facebook-Video-Streaming-Angebote) bezahlen können. Hier werden also in gewisser Weise Ansätze einer Kryptowährung und eines Loyalty-Systems kombiniert.

Fazit

Nachdem der Hype um die Kryptowährungen abgenommen hat, gilt es nun neue Anwendungsbereiche für die Blockchain-Technologie zu erschließen. Viele Blockchain-Projekte werden daher aktuell mit dem Ziel initiiert, die Einsatzmöglichkeiten der Technologie greifbar zu machen und deren Potenzial unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten besser einschätzen zu können. Dies zeigt auch ein Blick auf die aktuellen Zahlen von Gartner. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass rund 85 % aller Projekte, in denen Blockchain 2018 zum Einsatz kam, den gewünschten Wertbeitrag auch mit alternativen und bereits etablierten Lösungsarchitekturen erzielt hätten. In anderen Worten: Die Technologie wird vielerorts eingesetzt, wo sie gar nicht nötig wäre.

Aber auch wenn die Phase der Feldversuche vorüber ist, müssen sich alle Beteiligten vor dem Einsatz von Blockchain die Frage stellen, ob die Technologie nur zum Selbstzweck implementiert wird, oder ob sie einen wirklichen Beitrag zur Prozessoptimierung und Problemlösung beitragen kann. Dies erfordert gute Kenntnisse über die Möglichkeiten der Blockchain, aber auch ein ebenso breites Wissen über potenzielle Alternativen.

Unabhängig vom aktuellen Entwicklungsstand, sind aber bereits jetzt interessante Ansätze zu erkennen, die einen echten Mehrwert für Unternehmen bieten können. Allem voran in Industrien, die auf einen dezentralen, validierbaren Austausch von Daten über die eigenen Organisationsgrenzen hinweg angewiesen sind (z. B. Kommunikation autonomer Fahrzeuge im Automobilmarkt oder Vermittlung von Stromabnehmern und -erzeugern im Energiemarkt), bietet die Blockchain riesiges Potenzial. Abzuwarten bleibt nur, wem es gelingt dieses als erstes voll auszuschöpfen.

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20. Dezember 2018|